Heute entwickle ich FPGA-Designs, Motorsteuerungen und Testsysteme für Kunden aus Automotive, Industrie und Medizintechnik — von meinem Büro im Elsass aus, direkt an der deutsch-französischen Grenze. Der Weg dahin war nicht geradlinig. Und er war definitiv nicht bequem.

Lernen, wie man lernt

Den wichtigsten Ratschlag meiner Karriere bekam ich nicht von einem Chef, sondern von Professor Dr. Burhenne an der FH Darmstadt. Er sagte uns:

„Es geht nicht darum, etwas zu lernen — sondern zu lernen, wie man lernt." — Prof. Dr. Burhenne, FH Darmstadt

Damals klang das abstrakt. Heute, nach 35 Jahren in einer Branche, in der sich Technologien alle paar Jahre grundlegend ändern, weiß ich: Das war der wertvollste Satz meines Studiums. Er hat mich gelehrt, nicht nur den aktuellen Stand zu beherrschen, sondern über den Tellerrand zu blicken — zu erkennen, was heute wichtig ist und was morgen wichtig sein wird.

Ein frühes Beispiel: Nach meiner Ausbildung zum Fernmeldehandwerker bei der Deutschen Bundespost bot man mir ein gefördertes Studium in Fernmeldetechnik an. Informatik wollte man nicht fördern. Ich entschied mich trotzdem für Informatik — auf eigene Kosten. Während meiner Diplomarbeit sah ich dann die Werbeplakate an der Hochschule, auf denen dieselbe Bundespost nach Informatikern suchte.

Manchmal muss man den eigenen Instinkten vertrauen, auch wenn die Institution anderer Meinung ist.

12 Jahre im Konzern — was ich gelernt habe

1990 begann ich bei Mercedes-Benz in Stuttgart-Untertürkheim. Motorenentwicklung, Rollenprüfstände, Abgastechnik, später Prüfsoftware für Motorsteuergeräte. Eine Zeit lang arbeitete ich auch in der Vorentwicklung Brennstoffzelle — ein Thema, das mich technisch faszinierte, bei dem ich allerdings den Eindruck gewann, dass die Formulierungen in Hochglanzprospekten mehr Aufmerksamkeit bekamen als die eigentlichen technischen Fortschritte.

Insgesamt waren es lehrreiche Jahre — technisch auf höchstem Niveau, mit Kollegen, die genauso für die Sache brannten wie ich. Manche Nächte haben wir bis 3 Uhr morgens durchgearbeitet und der Werkschutz musste uns das Parkhaus aufschließen.

Was ich im Konzern gelernt habe, das mir bis heute hilft

Wie man in großen Strukturen arbeitet. Wie Qualitätsprozesse funktionieren — von der Anforderung bis zur Serienfreigabe. Wie man mit internationalen Teams kommuniziert. Und wie Lastenhefte geschrieben werden, die tatsächlich funktionieren.

Aber ich habe auch gelernt, dass in großen Organisationen nicht immer die Technik im Vordergrund steht. Ich hatte Vorgesetzte, die hervorragend waren — und solche, die ihre Energie mehr in interne Politik als in Entwicklungsarbeit steckten. Als sich die Unternehmenskultur in meinem Umfeld in eine Richtung bewegte, in der fachliche Qualität nicht mehr das entscheidende Kriterium war, traf ich eine Entscheidung: Ich gehe.

Der Sprung ins kalte Wasser

2002 gründete ich mein erstes Unternehmen: Navimess Elektronik. Was ich unterschätzt hatte: In der Branche galt damals das ungeschriebene Gesetz „Beim Daimler geht man nicht weg." Wer trotzdem ging, dem wurde unterstellt, dass etwas vorgefallen sein müsse. Das machte die Anfangszeit nicht einfacher.

Mein erster Fehler war, auf öffentliche Fördergelder zu setzen. Zwei Jahre Anträge, Gremienvorstellungen, positive Gutachten einer Universität — und am Ende kam nichts an. Die Fördergelder wurden anderweitig ausgegeben.

Lektion Nr. 1: Aufträge statt Anträge

Konzentriere dich auf Kunden, nicht auf Förderprogramme. Jeder Tag, den du mit Bürokratie verbringst, ist ein Tag, an dem du keinen Kunden gewinnst.

Wie der erste richtige Auftrag entstand

Meinen ersten größeren Auftrag als Selbstständiger bekam ich nicht über eine Bewerbung oder ein Portal. Ich war bei Audi vor Ort für einen Testauftrag, als man mich fragte, ob ich eine CAN-Simulationshardware entwickeln könnte. Innerhalb weniger Tage hatte ich einen funktionierenden Prototypen — in Handarbeit gefertigt, aber er lief.

Das ist die Realität des Freelancing in der Embedded-Welt: Die besten Aufträge entstehen, wenn der Kunde deine Kompetenz direkt erlebt. Nicht auf dem Papier, nicht im Lebenslauf — sondern in dem Moment, wo du ein Problem löst, das gerade auf dem Tisch liegt.

Die Sache mit der Zertifizierung

Für den Audi-Auftrag brauchte ich als Lieferant eine ISO-9001-Zertifizierung. Also beauftragte ich ein Zertifizierungsunternehmen und durchlief den ganzen Prozess.

Heute, nach über 20 Jahren Zusammenarbeit mit großen zertifizierten Unternehmen, sehe ich das differenzierter. Eine Zertifizierung sagt etwas über dokumentierte Prozesse aus — aber nicht zwingend über die Qualität der Arbeit. Ich habe zertifizierte Firmen erlebt, deren Ergebnisse fragwürdig waren, und kleine Ingenieurbüros ohne Zertifikat, die exzellent arbeiten.

Lektion Nr. 2: Zertifizierung ≠ Qualität

Wenn der Kunde es verlangt, macht es. Aber verwechselt es nicht mit einem Gütesiegel. Was zählt, ist die Arbeit, die ihr abliefert.

Neustart in Frankreich

2012 gründete ich SCHMITT CONSULTING S.A.R.L. im Elsass. Die Nähe zur deutschen Grenze ermöglicht es mir, weiterhin für deutsche Kunden zu arbeiten, mit einer schlanken Unternehmensstruktur und minimalem bürokratischem Aufwand.

Mein Grundsatz seither: So wenig Berührungspunkte mit Behörden wie möglich. Keine Förderanträge, keine Subventionen — volle Konzentration auf das, was tatsächlich Umsatz bringt: gute Arbeit für gute Kunden.

Wie man als Embedded-Freelancer an Aufträge kommt

Ehrlich gesagt kamen die meisten meiner Aufträge über Personalvermittler. Das funktioniert in der Embedded-Branche gut, weil die großen OEMs und Zulieferer oft über Vermittler suchen. Der Nachteil: Die Marge, die dabei abfließt, ist teilweise erheblich.

Langfristig lohnt es sich deshalb, auch eigene Kanäle aufzubauen: direkte Kontakte bei Kunden pflegen, durch Kompetenz vor Ort auffallen, Empfehlungen ehemaliger Auftraggeber nutzen. Der CAN-Simulator bei Audi entstand nicht über einen Vermittler — sondern weil ich da war und man sah, was ich kann.

Heute nutze ich zusätzlich öffentliche Ausschreibungsplattformen und diese Webseite, um unabhängiger von Vermittlern zu werden.

Was ich nach 20 Jahren Selbstständigkeit weiß

Drei Dinge, die ich jedem Embedded-Freelancer mitgebe

Erstens: Lerne ständig weiter — nicht nur das, was gerade gefragt ist, sondern das, was in zwei Jahren gefragt sein wird. Von Pascal und Assembler in den 90ern bin ich über C, LabView und CANoe zu SystemVerilog, FPGA-Design und Machine Learning gekommen. Stillstand ist der Tod eines Freelancers.

Zweitens: Dein Ruf ist dein Kapital. In der Embedded-Welt kennt jeder jeden über zwei Ecken. Ein zufriedener Kunde bringt den nächsten. Ein unzufriedener kostet dich drei.

Drittens: Arbeite nur für Leute, die deine Arbeit wertschätzen. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Als Selbstständiger hast du die Freiheit, nein zu sagen. Nutze sie.